Wappen derer von Sax

Aufstieg, Macht und das faszinierende Erbe eines Schweizer Adelsgeschlechts

Die Geschichte der Freiherren von Sax und später Sax‑Hohensax gehört zu den eindrucksvollsten Adelsbiografien der Ostschweiz. Über Jahrhunderte hinweg prägte dieses Geschlecht die politische, militärische und kulturelle Entwicklung der Region – von den Alpenpässen des Misox bis zu den Burgen über dem Rheintal. Besonders zwei Persönlichkeiten stechen hervor: Ulrich VII. von Sax, der gefürchtete Kriegsherr und Diplomat, und Johann Philipp von Hohensax, der humanistisch gebildete Freiherr, dessen Mumie bis heute erhalten ist.

Ursprünge eines weit verzweigten Adelsgeschlechts

Die Familie Sax lässt sich vom 12. bis ins 17. Jahrhundert verfolgen. Ihre Wurzeln liegen möglicherweise in Norditalien. Bereits um 1137/39 erscheint Eberhard I. als Prokurator der Grafen von Gamertingen – ein Hinweis auf die frühe Bedeutung der Familie südlich der Alpen.

Im 13. Jahrhundert kam es zur entscheidenden Teilung in zwei Linien:

  • Sax‑Misox (Südschweiz / Misox / Bellinzona)
  • Sax‑Hohensax (Rheintal / Ostschweiz)

Beide Linien entwickelten sich fortan eigenständig. Während die Misoxer Linie im 14. und 15. Jahrhundert zu Grafen aufstieg und große Gebiete im Vorderrheintal und Misox kontrollierte, blieb die Linie Hohensax stärker lokal verankert – aber politisch und militärisch hoch einflussreich.

Burg Sax – Digitale Rekonstruktion ihrer Gestalt im 13. Jahrhundert

Die Linie Sax‑Hohensax: Burgen, Macht und wechselvolle Loyalitäten

Die Herren von Sax‑Hohensax besaßen umfangreiche Rechte rund um Sax, Gams und das Säntismassiv. Vier Burgen sicherten ihren Herrschaftsbereich:

  • Burg Sax
  • Wildenburg
  • Frischenberg
  • Forstegg

Im 14. Jahrhundert standen sie zeitweise in habsburgischen Diensten, mussten sich aber auch gegen Appenzell und Zürich behaupten. 1446 wurde Burg Sax zerstört – fortan wurde Forstegg zum Zentrum der Herrschaft.

Ulrich VII. von Sax – Kriegsherr, Diplomat und Machtpolitiker

Ulrich VII. von Sax (auch Hohensax) (ca. 1463–1538) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der Familie. Wikipedia beschreibt ihn als Schweizer Diplomaten, Söldnerführer und gefürchteten Kriegsherrn, der sich als Offizier eidgenössischer Truppen im Solde von europäischen Herrschaftshäusern an Kriegsgeschehen beteiligte.

Militärische Karriere

  • Teilnahme an den Burgunderkriegen (1476–1477)
  • Söldnerführer im Dienst der Habsburger (1487–1497)
  • Kämpfer auf eidgenössischer Seite im Schwabenkrieg (1499)
  • Oberbefehlshaber eidgenössischer Truppen im Pavierzug (1512)

Diplomatische Bedeutung

Ulrich VII. war eine Schlüsselfigur der eidgenössischen Außenpolitik:

  • 1503 vertrat er die Eidgenossen im Frieden von Arona, wodurch Bellinzona, Riviera und Bleniotal endgültig eidgenössisch wurden
  • 1521 schlichtete er Konflikte um die Verwaltung der südlichen Untertanengebiete
  • Er war kaiserlicher Gesandter und Vermittler zwischen Habsburg, Frankreich und den Eidgenossen

Sein Leben zeigt exemplarisch, wie eng die Familie Sax in die großen politischen Konflikte Europas eingebunden war.

Ulrich Philipp und der Übergang zur Reformation

Ulrich VII.s Sohn Ulrich Philipp (1531–1585) war Söldnerführer in kaiserlichen und französischen Diensten. Durch seine Scheidung und Wiederverheiratung trat er 1564 mit der Herrschaft Forstegg zur Reformation über – ein Schritt, der die Linie Hohensax dauerhaft prägte.

Sein Sohn sollte der letzte große Vertreter des Geschlechts werden: Johann Philipp von Hohensax.
Johann Philipp von Hohensax (1550-1596)

Johann Philipp von Hohensax – Humanist, Militärführer und Opfer eines Familiendramas

Johann Philipp wurde am 1. April 1550 auf Burg Forstegg geboren, „Sprosse eines alten schweizerischen Dynastengeschlechtes“. Seine Ausbildung war außergewöhnlich breit:

  • St. Gallen und Zürich
  • Lausanne und Genf
  • Paris
  • Oxford (Magister der freien Künste)
  • Heidelberg

Er pflegte Kontakte zu führenden Reformatoren wie Heinrich Bullinger und zu europäischen Fürstenhäusern.

Politische und militärische Laufbahn

  • Rat des Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz
  • Vertreter der Kurpfalz auf dem Reichstag 1576
  • Oberst und Gouverneur im niederländischen Freiheitskampf
  • Gefangennahme des spanischen Heerführers Martin Schenk – ein militärischer Triumph

Die Trauung des Freiherrn Johann "Philipp" mit einer Dame des hohen holländischen Adels, Adriana Françoise van Brederode, fand 1588 zu Utrecht unter Teilnahme der Spitzen der holländischen Gesellschaft statt. Die Königin Elisabeth von England ließ sich durch den Generalstatthalter Leicester vertreten.

Rückzug nach Forstegg

Ab 1593 widmete er sich der Verwaltung seiner Herrschaft, dem Wiederaufbau des Schlosses und wissenschaftlichen Studien. In seiner Bibliothek befand sich die Manessische Liederhandschrift, einer der bedeutendsten literarischen Schätze des Mittelalters.

Der Mord von Salez – ein tragisches Kapitel

Im Mai 1596 ließ sich Johann Philipp – der „Oberst“, wie man ihn allgemein nannte – auf Drängen seines Stiefbruders Johann Albrecht dazu bewegen, gemeinsam in Salez einen Gerichtstag abzuhalten, da die Gerichtsbarkeit beiden Linien zustand. Nach Abschluss der Verhandlungen begab sich die Gesellschaft in eine nahegelegene Wirtschaft, wo man in gelöster Stimmung beisammensaß.

Plötzlich stellte sich der Neffe Ulrich Georg hinter den Stuhl seines Onkels, begann ihn mit spöttischen Bemerkungen zu provozieren und versetzte dem arglosen Obersten unvermittelt einen Stich mit einem Waidmesser. Nachdem man ihn festgenommen hatte, beschimpfte er sogar seinen eigenen Vater, riss sich los und fügte seinem Onkel eine zweite schwere Verletzung zu, bevor er schließlich überwältigt und in eine Kammer gesperrt werden konnte.

Der schwer verwundete Freiherr wurde nach Schloss Forstegg gebracht, wo er einen ausführlichen Bericht an Zürich diktierte und diesem noch eine längere eigenhändige Nachschrift beifügte. Zunächst schien sein Zustand stabil, doch trat unerwartet eine Verschlechterung ein. Am 15. Mai 1596 verstarb Johann Philipp „sanft und gottergeben“. So wurde dieser bedeutende Mann zum Opfer eines Parricida, eines Verwandtenmordes.

Der junge Täter nutzte die allgemeine Verwirrung zur Flucht und setzte sich zunächst jenseits des Rheins in Sicherheit. Doch die Vergeltung holte ihn ein: Wegen weiterer Vergehen wurde er später in Wien hingerichtet. Sein verschuldeter Vater Johann Albrecht sah sich gezwungen, seinen Anteil an der Herrschaft Sax an den Sohn des ermordeten Stiefbruders zu verkaufen.

Die Mumie des Johann Philipp – ein außergewöhnliches Nachleben

Im Jahr 1730 wurde im Zuge von Renovierungsarbeiten an der Kirche Sennwald die freiherrliche Gruft geöffnet. Zur allgemeinen Überraschung fand man den Leichnam Johann Philipps, gehüllt in ein violettes Seidengewand, vollständig unverwest vor. Die ungewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen führten dazu, dass man die Gruft mit einer Öffnung versah, durch die Besucher einen Blick auf den Körper werfen konnten. Das sogenannte „Wunder von Sennwald“ verbreitete sich rasch und zog zahlreiche Schaulustige an. Tatsächlich war die natürliche Mumifizierung jedoch auf die besonderen klimatischen Bedingungen in der Gruft zurückzuführen.

Vor allem im katholischen Vorarlberg entstand bald die Legende eines Märtyrers, dessen vermeintliche Reliquien wundertätige Kräfte besitzen sollten. Um die wachsenden Pilgerströme einzudämmen – und wohl auch, um die Mumie zu schützen – wurde die Besichtigung der Gruft ab 1736 untersagt.

Diebstahl und Rückgabe

Trotz des Verbots stahlen 1741 mehrere junge Männer aus Vorarlberg den Leichnam, im festen Glauben, es handle sich um die Gebeine eines Heiligen. Erst als bekannt wurde, dass Johann Philipp ein überzeugter Calvinist gewesen war, gaben sie den Körper zurück – allerdings verstümmelt, denn es fehlten bereits Finger und später sogar beide Beine.

In der Folge wurde die Leiche in den Glockenturm von Sennwald überführt und dort in einem sargähnlichen Holzkasten mit Glasdeckel aufbewahrt. Im Laufe der Zeit trocknete der Körper vollständig ein und nahm das Erscheinungsbild einer Mumie an.

Heutiger Standort

Heute befindet sich die Mumie Johann Philipps in einem kleinen Raum der Leichenhalle von Sennwald, geschützt, konserviert und der Öffentlichkeit nur noch sehr eingeschränkt zugänglich. Damit hat der außergewöhnliche Weg dieser sterblichen Überreste einen würdigeren und ruhigeren Abschluss gefunden.

Der Niedergang des Geschlechts

Johann Philipps Sohn Johann Ludwig verschuldete sich schwer und musste 1614 die Herrschaft Sax an Zürich verkaufen. 1633 starb mit Christoph Ludwig der letzte männliche Vertreter der Familie Sax‑Hohensax.

Damit endete eine über 500‑jährige Adelsgeschichte.

Die Freiherren von Sax und Sax‑Hohensax verkörpern ein Stück Schweizer Geschichte, das von Macht, Diplomatie, Krieg, Kultur und Tragik geprägt ist. Von den frühen Prokuratoren im 12. Jahrhundert über die großen Kriegsherren und Diplomaten der Renaissance bis zur mysteriösen Mumie Johann Philipps spannt sich ein Bogen, der bis heute fasziniert.

Die Familie findet sowohl im genealogischen Stammbaum-Netzwerk als auch im Familienbuch "Adelsgeschlechter" Erwähnung.

Quellen
  1. Dr. Alfred Imhelder: Die Freiherren von Hohensax. Historischer Artikel, Rorschach
  2. Wikipedia: Johann Philipp von Hohensax, Ulrich von Sax
  3. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): Sax / Hohensax – Biographie und Familiengeschichte
  4. Lokale Überlieferung / Ortsrecherche: Aktueller Standort der Mumie in der Leichenhalle Sennwald