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Zunftzeichen der Stukkateure und Gipser

Auszug aus "Heimatbuch St. Gallenkirch-Gortipohl-Gargellen" von Dr. h.c. Josef Zurkirchen. Herausgegeben von der Gemeinde St. Gallenkirch im Jahre 1988

Es ist bekannt, dass unsere Vorfahren besonders gut mit dem Brennen des Mörtelkalks umgehen konnten. Die Häuser in alter Zeit waren Mauerwerk und mussten mit Sand und Kalk verputzt werden. Anscheinend entwickelte sich in dieser Tätigkeit eine handwerkliche Fertigkeit der Bauleute und irgendein findiger Kopf scheint dann herausgefunden zu haben, dass diese Fertigkeit Geld bringen würde. Also zog man in die Städte der Umgebung und verputzte die Mauern der Häuser gegen Entgelt. Das sprach sich herum und wurde dann durch Jahrhunderte zum Haupterwerb der Montafoner.

Wir wissen aus alten Schriften, dass bereits Anfang 1600 die Montafoner diesen Beruf in größerer Zahl ausübten. Die Schweiz, Lothringen und Baden waren damals die Stätten der Tätigkeit. Im Jahre 1684 war selbst bei der Regierung in Wien bekannt, dass aus dem Montafon Maurer auswanderten, und sie wollte dann erreichen, dass diese mithelfen sollten, die Zerstörungen, die die Belagerung Wiens durch die Türken im Vorjahre verursacht hatte, zu beheben. Die Montafoner aber weigerten sich mit der Begründung, dann wurden ihnen die "alten" Arbeitsplätze verlorengehen.

Schon früh verlegten sich die Handwerker auf Frankreich. Das Land war groß und weit und von uns aus leicht zu erreichen. Zudem ließ sich im Süden dieses Landes auch im Winter etwas machen. Frost kommt ja dort kaum vor.

Die Montafoner aber hingen an ihrer schönen Heimat. Sie blieben nicht draußen in den Städten. Auch wenn der Weg zu Fuß Wochen dauerte, kehrten sie im Herbst wieder ins Tal zurück. Junge Leute allerdings arbeiteten auch zwei oder drei Jahre im fremden Land. Dann aber machten sie sich auf, um in ihr Tal zu kommen. Natürlich war später die Eisenbahn eine große Erleichterung. Es können aber auch Erschwernisse im fremden Land die Einbürgerung all dort unmöglich gemacht haben. Im Jahre 1698 trat im Montafon eine Zunft der Bauleute in Tätigkeit. Johann Ulrich Marent aus Schruns wurde erster Zunftmeister. Verschiedene Vorschriften der Städte hatten dies notwendig gemacht. Mit dem Zunftbrief in der Hand kam man besser zurecht.

Wie bei anderen Berufen gab es bei den Verputzern und später bei den Gipsern Meister, Gesellen und Lehrbuben. Das Gipsergewerbe blühte mehr in Deutschland als in Frankreich. War ganz Frankreich mit Elsaß-Lothringen Arbeitsplatz der Montafoner, so war es in Deutschland nur die Gegenden dem Rhein entlang, hauptsächlich Baden, die Pfalz und das Saarland.

Als im Engadin der Verkehr über die Pässe noch blühte und manche Familien wohlhabend waren, arbeiteten unsere Leute auch dort an den Patrizierhäusern. Die Maurer aber stellte dort Oberitalien.

Bis zur Einführung von geregelten Arbeitszeiten werkten Meister und Gesellen vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein. Mit Vorliebe übernahm man die Arbeiten im Akkord. In mancher Stadt Frankreichs stehen ganze Straßenzüge, die unsere Leute hergerichtet haben. Große Gebäude gaben manchmal für mehr als einen Sommer Arbeit. Verzierungen und Stuckarbeiten erforderten hohes Können.

Mit der Verpflegung scheint es fast überall günstig gewesen zu sein. Die Arbeiter bevorzugten kleinere Gasthöfe. Hatte der Meister bereits ein eigenes Haus am Arbeitsorte, so nahm man auch auch eine Montafonerin als Köchin mit. Geschätzt wurde allenthalben der französische Wein, der zu jeder Mahlzeit erschien.

Um Josefi, als Mitte März, verließen die Leute die Heimat, um Mitte November kamen sie wieder zurück. Die Reise mit der Bahn dauerte selbst in entlegene Teile Frankreichs nicht länger als zwei bis drei Tage. Die Kosten der Fahrt waren gering.

Es waren sehr viele, die da als Handwerker hinauszogen. St. Gallenkirch stellte den größten Teil, man erzählt von über 200 Mann aus dem Dorfe. Gaschurn und Vandans waren ebenfalls stark beteiligt. Auch Schruns und Tschagguns hatten ihre Frankreichgänger, wenn es von dort auch nicht gleich Hunderte waren. Nach dem Ersten Weltkriege gingen die Zahlen stark zurück, um dann beim Zweiten auf Null zu sinken.

Der Tagensverdienst eines Arbeiters betrug um 1900 sechs bis sieben Franken, in Deutschland etwas über fünf Mark. Der Akkordpreis für den Quadratmeter Fläche hielt sich in Frankreich bei 70 Centimes und in Deutschland bei 60 Pfennigen. Für Besenwurf erhielt ein Arbeiter drei bis vier Franken pro Geviertmeter. Ein guter Arbeiter brachte es auf 50 Meter im Tag, wenn in der Fläche nicht allzu viele Türen oder Fester den Fortgang unterbrachen. Als Vergleich sei erwähnt, dass die Verpflegung für den ganzen Tag meist unter zwei Franken stand.

Es gab viele Familienbetriebe. Der Vater oder ein Bruder spielte den Meister, wobei man darauf achten musste, dass dieser auch alles Schriftliche erledigen konnte. Das war zwar meist sehr wenig, aber hie und da stieß man doch auf die lokalen Behörden. Gewerbliche Vorschriften aber gab es kaum, jeder konnte beliebig sein Geschäft eröffnen und betreiben.

Einzelne aber wurden daneben zu größeren Unternehmen, ich erwähne hier nur den Franz Thomas Tschofen, "Thömilis Bub" genannt, in Lorient, der über zwanzig Mann beschäftigte. Die Brüder Lorenzin in Roanne, die Brüder Gafanesch in Narbonne, Franz Büsch in Caen, die Familien Pfeifer und Tschofen aus Gaschurn in Paris oder Christian Fleisch in Saarbrücken.

Kleinere Meister mit zwei bis drei Mann steckten in Kleinstädten über ganz Frankreich und Süddeutschland verstreut. Auch Orte mit ein paar tausend Einwohnern beschäftigten solche Kleinbetriebe. Waren aber einmal zwei Meister in der gleichen Stadt, so gab es Neid und Unverträglichkeit und es klingt nicht alles schön, was man darüber hört.

Einzelne unselbständige Arbeiter liebten es, nach zwei, drei Sommern den Arbeitsplatz zu wechseln. Dabei kamen sie im ganzen Land herum. Das Wanderbuch (Pass) des Theodor Vallaster aus Schruns berichtet uns, dass sein Besitzer im Jahre 1865 bei Belfort, 1866 bei Franz Vonbank in Besançon arbeitete. 1867 und 1868 finden wir den Mann bei Franz Juen in Loulans. Zur Zeit des Krieges von 1870 und 1871 arbeitet Vallaster in den Städten am Bodensee. 1878/79 aber steckt er bei Mathias Ganahl in Sennecey, ein Jahr später in Dijon und dann drei Jahre bei J. Künzle in Chalons. Dann ist er in Beziers und Limoges durch mehrere Jahre tätig.

Mancher ging ein halbes Menschenleben lang hinaus auf Arbeit. Bei den vielen Jahren Aufenthalt in Frankreich lernten die Männer die Sprache des Landes. Selbst zu Hause wurde "parliert", und vor fünfzig Jahren ertönte so viel Französisch auf dem Kirchplatz in St. Gallenkirch, dass man glaubte im Ausland zu sein.

Anton Neyer aus Gantschier (1849-1940) war wohl der berühmteste Stukkateur, den das Montafon hervorbrachte. Nach Arbeiten an vielen Fürstenhöfen arbeitete er durch sieben Jahre an den Schlössern Neuschwanstein und Linderhof. Die Brüder Franz und Josef Lechthaler aus St. Gallenkirch restaurierten dem Heerführer und Präsidenten Macmahon sein Landschloss. Zwei Sommer werkten sie daran, und Franz soll hundert Franken Trinkgeld von ihm erhalten haben. Auch Johann Josef Zudrell aus Gamprâtz wurde zu heiklen Arbeiten von seinem Meister oft weit weg geschickt.

In St. Gallenkirch fanden im Winter Stukkateurkurse statt, die besonders von Jugendlichen besucht wurden. Im Gasthof Adler ist die kunstvolle Decke eine Arbeit jener Kurse.

Es gab auch Fälle, dass solche Verputzer sich in der Fremde einem anderen Berufe zuwandten. So wurde ein Stocker aus St. Gallenkirch in der Stadt Langres zum berühmten Orgelbauer, und Robert Vallaster aus Schruns erbaute in San Sebastian in Spanien Grabgrotten aus Tuffstein. Fidel Brugger aus St. Gallenkirch kam durch die halbe Welt und wechselte vom Verputzer zum Kunstmaler.

lm Ersten Weltkriege wurden die in Frankreich weilenden Montafoner interniert und auf Korsika gesteckt. Mancher holte sich dort die Malaria. die er dann nicht mehr los wurde. Auch Seuchen wie Typhus und Cholera befielen die Arbeiter, wenn die Epidemien durchs Land gingen.

Heute wird jene Zeit der Saisongänger oft genug in Bausch und Bogen verurteilt. Hätten unsere Vorfahren aber die vielen "Fränkli" nicht gehabt, hätte die Hälfte der Montafoner sich nicht im Tale halten können. Es fällt jedenfalls auf, dass bis in die neueste Zeit die "Frankreicher-Gemeinde" St. Gallenkirch die höchsten Einwohnerzahlen des Tales aufweist.

Viele Angehörige dieses Berufsstandes befinden sich im Stammbaum-Netzwerk.